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The Making of "Träume aus Licht": Teil 2

Im Oktober 2017 fuhr ich zur Buchmesse, um mich mit meiner Literaturagentin Kristina Langenbuch zu treffen. Nach zwei Fantasyromanen wollte ich mich in ein für mich bis dahin neues Genre wagen. Schon lange reizte mich der Gedanke, einen Familienroman vor historischer Kulisse zu schreiben, und die Idee mit dem verschollenen Stummfilm, die ich schon seit Jahren mit mir herumtrug, erschien mir geradezu ideal. Noch bevor ich mich ernsthaft in die Recherche stürzte, traten mir zwei Figuren vor Augen: ein dominanter, herrschsüchtiger Mann und eine kreative, empathische Frau. Zwei starke Charaktere in einer konfliktreichen Beziehung. Ich wusste, diese beiden würden das Herz der Geschichte bilden.

 

Während unseres Treffens schilderte ich Kristina ganz grob, was mir vorschwebte. Glücklicherweise zeigte sie sich auf Anhieb begeistert. Bis ich aber tatsächlich mit dem Schreiben anfing, sollte es noch eine ganze Weile dauern. Und bevor sich meine Agentur mit der Romanidee an Verlage wenden konnte, musste ich mir über die Handlung klar werden. Die entscheidenden Wendungen mussten feststehen, inklusive Schluss. Es war ein langwieriger Prozess mit mehreren Feedbackschleifen, der immer wieder für längere Phasen unterbrochen wurde. Das Familienleben nahm mich zeitweise voll und ganz in Beschlag, denn zu dieser Zeit war gerade ein neuer und ziemlich kleiner Erdenbewohner bei uns eingezogen.

Die Autorin auf dem Siemenssteg, einer Brücke in Berlin-Charlottenburg.
Der Siemenssteg in Berlin-Charlottenburg, Schauplatz einer schicksalhaften Begegnung im Roman. (Foto: privat)

Es war mühselig, erneut in die Geschichte hineinzufinden, wenn ich es nach einer wochenlangen Unterbrechung endlich einmal wieder an den Schreibtisch schaffte. Gewiss waren es auch meine eigenen Ansprüche, die mir die Arbeit erschwerten, denn ich wollte, dass dieser Roman etwas ganz Besonderes wird. Nicht nur thematisch sollte er sich um die Welt des Films drehen, ich wollte ihn auch ähnlich wie einen Film strukturieren. Ich las viel über Dramaturgie, über Akte, Plot Points und die Heldenreise. Spielte mit Software für Drehbuchautoren herum und erstellte damit lustige bunte Spannungskurven.

 

Ich wusste, ich hatte mir ein ambitioniertes Romanprojekt vorgenommen, das ganz anders werden sollte als alles, was ich bis dahin geschrieben hatte. Nicht nur, dass ich viel intensiver als je zuvor recherchieren musste. Mit seinen unterschiedlichen Handlungssträngen gestaltete sich dieser Roman auch deutlich komplexer als meine vorherigen. Wann immer ich mich an meinen Rechner setzte, fühlte ich mich genauso wie damals, als ich mich mit zwölf Jahren an die alte Schreibmaschine meiner Mutter gesetzt und begonnen hatte, meinen allerersten „Roman“ zu schreiben: enthusiastisch und zugleich ziemlich plan- und ahnungslos.

 

Langsam aber sicher wurde mir klar, dass ich in Sachen Handwerk noch immer einige Wissenslücken hatte. Zwar hatte ich über die Jahre hinweg immer wieder Schreibratgeber gelesen, die mehr oder weniger hilfreich waren, doch mir fehlte ein roter Faden. Nach zwei veröffentlichten Romanen, die größtenteils aus dem Bauch heraus geschrieben hatte, hatte ich nun das Gefühl, für „Träume aus Licht“ das Schreiben von Grund auf neu erlernen zu müssen. Also beschloss ich nach reiflicher Überlegung, mich zu einem Fernstudium bei der Textmanufaktur anzumelden.

 

Während ich mich also neben Brotjob und Familienleben weiterbildete und an den Charakteren und der Dramaturgie feilte, deckte ich mich mit Recherchematerial ein. Ich las so viel ich konnte über die deutsche Filmbranche der 1920er. Fuhr mit meiner Familie nach Berlin, um potenzielle Schauplätze zu besichtigen und das Filmmuseum zu besuchen, in dem es damals passenderweise gerade eine Ausstellung über das „Kino der Moderne“ gab, den Film zur Zeit der Weimarer Republik.

 

Es ging nur langsam voran, doch Anfang 2020 war ich zuversichtlich, mit dem Schreiben loslegen und den Roman vollenden zu können. Meine Kinder hatten nach langer und zermürbender Suche endlich Plätze in der Kita erhalten, sodass ich nun regelmäßig ein paar Stunden am Stück und in Ruhe arbeiten konnte. 2020 würde ein erfolgreiches Schreibjahr werden, da war ich mir sicher!

Rechercheliteratur
Eine kleine Titelauswahl aus meiner Rechercheliteratur. (Foto: privat)

Dann der Schock: Corona-Pandemie. Normalität war plötzlich ein Fremdwort, und die Arbeit am Roman rückte völlig in den Hintergrund. Ich hatte keine Kraft mehr, fühlte mich mehr als je zuvor zerrissen inmitten all der Pflichten, die Familie und Brotjob mit sich bringen. Meine Arbeit erschien mir angesichts dessen, was in der Welt geschah, nur noch banal, unbedeutend und nutzlos.

 

Aber schließlich lebt jede gute Geschichte von entscheidenden Wendepunkten, und bei dieser ist es nicht anders. Nach unzähligen Phasen der Stagnation, und nachdem ich mehrmals beinahe aufgegeben hätte, war es im Herbst 2021 so weit: Der magische Moment, den ich zu Beginn des letzten Artikels erwähnt hatte – verspätet stellte er sich doch noch ein, und zwar auf mehreren Ebenen. Nach mehreren verworfenen Romananfängen fand ich beim Schreiben in die richtige Erzählstimme hinein. Die Figuren wurden lebendig, die Geschichte entwickelte eine ausgeprägte Eigendynamik. Endlich konnte ich meinen Agentinnen ein paar aussagekräftige Kapitel schicken, die sich für mich rund und stimmig anfühlten – rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse.

 

Nun ging das Hoffen und Bangen los. Würde der Roman bei den Verlagen auf Interesse stoßen, oder würde das Projekt abgelehnt werden und bereits nach den ersten Seiten in der Schublade landen?

 

Zunächst aber flatterte eine E-Mail von der VG Wort in mein Postfach. Im Sommer hatte ich mich um ein Stipendium der Initiative „Neustart Kultur“ beworben, und nun erhielt ich die Zusage. Meine Arbeit wurde als förderungswürdig anerkannt. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

 

Vor allem aber wurde mir in diesem Moment eines klar: Ganz egal, ob diese Geschichte einen Verlag findet oder nicht, ich werde sie zu Ende schreiben. Nach all den Jahren wird „Träume aus Licht“ endlich Realität.

 

Demnächst geht es im nächsten Teil der Artikelserie weiter.